... so hät alles agfange (1920)

 

Der Club der Harmlosen
(Quelle: Weisch no? Band II, Hans Fräulin, 1996)

"Wie so oft nach Not- und Kriegszeiten, in denen junge Menschen die üblichen Freuden heranwachsender Jugend versagt blieben, bestand zu Beginn der 1920er Jahre Nachholbedarf für Vergnügen und Unterhaltung jeglicher Art. Gelichgesinnte Burschen schlossen sich in losen Verbindungen zusammen um auf verschiedene Art und Weise ihre Freizeit zu gestalten. Es gab Stammtische mit Satzungen und Namen, Wanderclubs, Saiteninstrumentenmusiken und anderes mehr. Am nachhaltigsten dürfte in Zell wohl der 1920 gegründete Club der Harmlosen dank der Pflege überkommener Utensilien durch ihren letzten lebenden Vetreter Oskar Engler in Erinnerung geblieben sein.

Der Club der Harmlosen, das waren etwa 20 junge, ledige Handwerker und Angestellte. Alle hatten eine gute Singstimme und waren Mitglieder, des damaligen Gesangvereines Liederkranz. Temperament und Tatendrang waren dort wohl nicht voll ausgelastet. Sie gaben sich eigene Statuten, hatten eine heute noch existierende Fahne und studentenähnliche Käppis, auf denen der Anfangsbuchstabe ihre Namens eingestickt war. Jupiter , Orion, Phönix, Mars, Neptun, großer Bär nannten sie sich, wenn sie beieinander waren.

Strafe mußte zahlen, wer einen Kollegen beim richtigen Namen nannte. Sie bestand in der Bezahlung eines Humpens Bier, oder eines Liters Wein, der aus dem heute noch vorhandenen großen Holzlöffels getrunken wurde. Dieser Löffel, etwa eineinhalb Liter Flüssigkeit fassend, war mit der Fahne Markenzeichen und Statussymbol. Ein Bierzipfel mit den Initialen des Besitzers gehörte mit zum Habitus.

 

Obwohl sie gelegentlich Besen, Klopfpeitschen, Kehrichtschaufeln, Kochlöffel und sonstige Hausfrauengerät bei sich hatten und damit ihre Harmlosigkeit gegenüber dem weiblichen Geschlecht unter Beweis stellen wollten, waren sie nicht so harmlos. Es wurde sicher hin und wieder mal über den Durst getrunken, zumal der letzte Bierbrauer der Ochsen-Brauerei als Mitglied, faßweise für günstiges Bier sorgen konnte. Es wurde fröhlich gefeiert, gesungen, auch hin und wieder nächtlich gelärmt, sodaß die Ortspolizisten schon ihre liebe Not mit dem Verein gehabt haben mögen. Fotos zusammen mit hübschen jungen Mädchen beweise, daß sie dem anderen Geschlecht nicht abgeneigt waren. Alle miteinander haben sie in späteren Jahren geheiratet.

Wie dies in den 20er Jahren noch üblich war, gingen die Handwerksgesellen unter ihnen auf Wanderschaft. An einem Weihnachtstag in jener Zeit trafen sich vier Harmlose beim Engler Oskar in Augsburg. Sie wollten zusammen Weihnachten feiern. Die Hauswirtin hatte sich dabei ausbedungen, daß kein Krach gemacht und nicht gesungen werden dürfte. So setzten sich die vier dem Vernehmen nach in guter Stimmung spaßhalber in einen großen Kleiderschrank und sangen dort, um der Hauswirtin Genüge zu tun, "Stille Nacht".

Der Club der Harmlosen war in gewissem Sinne eine wirklich harmlose Gesellschaft, die das Leben im Städtchen auf nette Art und Weise bereichert hat. Die Fahne ist heute noch da, der große Holzlöffel auch. Wo bleibt der neue Club der Harmlosen?? "

 

 

 

... das Erbe unserer Väter
ist uns Verpflichtung. (1997)


 

Auferstehung feierte am Samstag, 31. Mai 1997 mit Musik und Gesang der Club der Harmlosen in Zell. So wie damals in den 20er Jahren hatten am Samstag die sieben Harmlosen mit ihrem Ehrenmitglied Hans Fräulin wieder Haushaltsgeräte dabei. Auf einem geschmückten Traktoranhänger fuhren sie, begleitet von der Wildsaumusik, durchs Städtchen Zell.

Der Verein knüpft dabei an die Tradition der Gründerväteran, die den Verein im Dritten Reich auflösen mußten.